Autor Peter Neumann zu Gast bei der Lesegesellschaft Wädenswil
Stadtbibliothek, Wädenswil
Als Reisläufer bezeichnet man junge Schweizer, die in der frühen Neuzeit zu Tausenden Kriegsdienst für fremde Mächte leisteten und so hofften, zu Geld und Ruhm zu kommen. Samuel Alder, Weinbauersohn aus Küsnacht, war einer von ihnen. Aus Liebeskummer und weil er als Zweitgeborener das väterliche Gut nicht übernehmen konnte, liess er sich von den Franzosen anwerben und kämpfte im September 1515 in der denkwürdigen Schlacht bei Marignano gegen die Soldaten der Alten Eidgenossenschaft.
Mit warmer, ruhiger Stimme las der Historiker Peter Neumann einige Episoden aus seinem Roman «Der Reisläufer und das Blutgericht von Zürich». Die packende Geschichte des Haudegens aus Küsnacht schlug das aufmerksame Publikum von Anfang an in ihren Bann. Samuel Alder ist eine erfundene Figur, aber sie ist so raffiniert in die historischen Zusammenhänge eingefügt, dass ihre Lebensgeschichte ein anschauliches Bild des Reisläuferdaseins liefert und im zweiten Teil mitten in die politischen Wirren Zürichs kurz vor der Reformation führt.
Die Verluste in der Schlacht bei Marignano waren so zahlreich, dass die Zürcher Landgemeinden gegen die städtische Obrigkeit aufbegehrten: 800 junge Männer hatten ihr Leben verloren! Gewisse Zürcher Patrizier Familien – so lautete der Vorwurf – hätten mit den Franzosen geheime Absprachen getroffen und damit viel Geld verdient. Und da Samuel Alder als Reisläufer von solchen Absprachen gehört hatte, geriet er mitten in die Zürcher Wirren hinein und musste als Zeuge beim Blutgericht von Zürich aussagen.
Dank einer Reihe von Illustrationen aus alten Chroniken und Zeichnungen von Urs Graf, einem historisch verbürgten Künstler und Krieger aus jener Zeit (im Roman hat er die Rolle des Erzählers inne), geriet der Abend zu einer sehr lebendigen Darstellung der damaligen Zeit, mit ihrer ganzen politischen Dramatik und ihren erschütternden Einzelschicksalen.
Am Ende waren alle dankbar, dass Peter Neumann aus dem Manuskript, das ursprünglich als Drehbuch für einen Film gedacht war, einen so packenden und dichten Roman geschaffen hatte. Mit einem warmen Applaus bedankten sich die fünfzig Anwesenden beim Autor und dem souveränen Moderator Alex Oberholzer. Ein zweiter, langer Applaus galt René Peter, dem Veranstalter, der nach 27 Jahren zum letzten Mal für die Lesegesellschaft Wädenswil im Einsatz war.
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