Donnerstag, 5. März 2026

Ist Kindheit ein Zustand oder eine Phase?

Oskar Jenni zu Gast bei der Lesegesellschaft Wädenswil


Etzelzentrum, Grosser Saal, Wädenswil


Über 70 Interessierte fanden sich am Donnerstag, den 5. März, im grossen Etzelsaal ein, um den Ausführungen des bekannten Kinder- und Jugendarztes Oskar Jenni zu folgen. Jenni ist seit 2020 ordentlicher Professor für Entwicklungspädiatrie an der Universität Zürich. Mit seinem Bündner Charme und seiner offenen, herzlichen Art schlug er das Publikum von Anfang an in seinen Bann. Jenni stellte den Bestseller «Kindheit – eine Beruhigung» vor, dessen Herausgeber er ist. Das Buch ist kein Ratgeber für Eltern und Pädagogen, sondern es ergründet in einzelnen Kapiteln, die von Fachpersonen verfasst worden sind, was wir in unserem Kulturkreis unter Elternschaft, Kindheit und Erziehung verstehen. 

So macht es zum Beispiel einen erheblichen Unterschied, ob wir die Kindheit als Phase verstehen, also als eine Art Etappe auf dem Weg zum Erwachsenen-Dasein, oder als Zustand. Im ersten Fall sehen wir im Kind vor allem ein Wesen, das sich nach seiner Volljährigkeit in einer komplexen und anforderungsreichen Welt behaupten muss. Darauf soll es in der Kindheit vorbereitet werden. Im zweiten Fall nehmen wir die Kinder ernst, weil sie als Kinder schon irgendwie vollkommene Wesen sind. Für Jenni ist klar, dass das Kindsein seinen eigenen Wert hat und dass wir unseren Sprösslingen entsprechend gegenübertreten sollten. Im weiteren plädierte Jenni für Vielfalt. Die Einzigartigkeit jedes Kindes sei im Grunde ein Vorteil für uns alle; es gehe darum, Nischen zu schaffen, in denen das Kind seine Stärken und Talente ausleben könne. 

Im weiteren erinnerte Jenni daran, dass für Kinder spielen lernen sei. Räume zum Spielen zu schaffen, sei die beste Förderung des ganzheitlichen Denkens und der Kreativität. 

In der Diskussion wurde Oskar Jenni konkreter: Laut aktuellen Studien gehe es einem Drittel der Kinder aktuell nicht gut. Er sehe das auch in seiner Praxis: Er selber verschreibe heute deutlich mehr Ritalin als vor fünfzehn Jahren. Die Gründe dafür lägen bei gesellschaftlichen Entwicklungen wie einer zunehmenden Schnelligkeit, einem wachsenden Perfektionismus («Wir erlauben uns keine Fehler mehr»), der grenzenlosen Selbstoptimierung und einer starken Ausrichtung auf den Leistungsgedanken. Da wir auf diese Entwicklungen als Einzelne kaum Einfluss nehmen könnten, sei es wichtig, sich klarzumachen, was Kinder bräuchten, um in guten Verhältnissen aufzuwachsen:Geborgenheit in Beziehungen, Gesundheit an Körper und Geist, Gelegenheiten für Lernerfolge, Grenzen als Rahmenbedingungen und stabile Gemeinschaften. 

Als praktisches Einsteckbuch empfahl Oskar Jenni zum Schluss sein jüngstes Werk, das er zusammen mit Patricia Lannen geschrieben hat: «Miteinander reden – 101 Fragen für starke Eltern und glückliche Kinder». 

 

Anlasssponsor: Dr. med. Thomas Saner, Wädenswil