Freitag, 16. Januar 2026

Geschichten vom Glück, das sich wie Unglück anfühlt

Peter Stamm zu Gast bei der Lesegesellschaft Wädenswil


Kirchgemeindehaus Rosenmatt, Wädenswil


Kann man zum Mars fliegen, in dem man sich wochenlang im Keller einbunkert? – Man kann. Vor

über siebzig sehr aufmerksamen Zuhörerinnen und Zuhörern las Peter Stamm am Freitag, den 16.

Januar, als Erstes einen längeren Auszug aus seiner Erzählung «Mars», in der sich ein Jugendlicher im

Keller des Elternhauses eine Raumstation einrichtet, um dann in Echtzeit zum Mars zu fliegen. Der

Junge ist besessen von seiner «Mission». Während er unterwegs zum Mars ist, kommuniziert er mit

seinen Eltern, die ein einziges Stockwerk höher wohnen, nur per knappen WhatsApp-Nachrichten.

Das radikale Experiment des Sohnes, das immer mehr zu einer Metapher für die

Beziehungsunfähigkeit und die Einsamkeit junger Menschen wird, stellt zunehmend auch die

Beziehung der Eltern auf die Probe. Peter Stamm las den Schluss der Geschichte nicht, doch er

versicherte, dass es seinen Figuren am Ende stets besser gehe als am Anfang … Freimütig erzählte er

im Gespräch mit Nicole Dreyfus auch von der Entstehung seiner Geschichten. Die Schauplätze, an

denen sie spielen, sind alle recherchiert: Stamm ist zum Beispiel für die Geschichte Jump and Run

zweimal zu den Friedenstruppen in den Kosovo gereist, um sich in den dortigen Alltag seiner Heldin

einfühlen zu können. Er ist fasziniert von Misch- und Übergangssituationen, in denen Menschen

versuchen, sich aus Zwängen zu befreien und einem Unbehagen zu entfliehen, aber ohne genau zu

wissen, was auf sie zukommt.

Dabei erweist sich Peter Stamm einmal mehr als Meister der kurzen Strecke: Die Erzählungen

im Buch «Auf ganz dünnem Eis», das im vergangenen Herbst erschienen ist, sind konzentriert und

fokussiert, atmosphärisch dicht, die Figuren sind mit wenigen Strichen scharf gezeichnet, und doch

bleibt manches offen. Oder wie es der Autor im Gespräch ausdrückte: «Mich interessiert das

Gegenteil einer Netflix-Serie».

Das gilt auf jeden Fall auch für den Text «Wintern», den Stamm zum Abschluss las. Die Erzählung

spielt während der nächsten Eiszeit: Ein Klimaforscher, der seit Jahren als einziger in einem Walliser

Ort ausharrt, um Daten zu sammeln, erlebt seinen Aufenthalt in einem alten Schloss als innere

Befreiung: Es macht ihm nichts aus, dass ihn die Welt vergessen hat: «Ich bin nicht allein, ich bin der

Einzige». Mit dieser Gewissheit im Gepäck macht er sich schliesslich auf den Weg, um durch das

entvölkerte Wallis der Rhone zu folgen. Sein Ziel ist das Meer.